Schreiben ist menschlich

von | Dez 21, 2016 | Gastbeiträge

Schreiben ist menschlich, Lektorieren göttlich …

… dieser Spruch ist nicht von mir, sondern von Stephen King, aber ich kann mich dem nur anschließen. Doch fangen wir ganz vorne an.

1997 schrieb ich mein erstes Buch ›Das kleine Grüne‹ und schickte es ohne allzu große Hoffnungen zum Ullstein Verlag. Wenig später meldete sich eine Lektorin und teilte mir mit, dass ich unter Vertrag genommen und sie mein Buch lektorieren würde. Ich war heilfroh, als damals noch blutige Anfängerin von solch einem Profi ans Händchen genommen zu werden, die aus meinem Erstlingswerk dann einen kleinen Bestseller gemacht hat.

Viele Jahre und acht Bücher später entschloss ich mich dann, selber Lektorin zu werden. Ich hatte zwischenzeitlich einige andere Lektoren kennengelernt, bis auf eine alles sehr erfreuliche Begegnungen, bei denen ich viel gelernt habe. Ich wusste wie schwer es ist, sein Buch-Baby in fremde Hände zu geben und welche Hoffnungen man mit einem guten Lektorat verknüpft.

Doch was genau ist ein gutes Lektorat?

Es geht nicht nur darum lediglich den Fehlerteufel auszutreiben, sondern sich in das jeweilige Werk hineinzudenken, es mit den Augen seines Schöpfers zu sehen und mit ganz viel Liebe aus dem Rohdiamanten ein funkelndes Schmuckstück zu machen, das auf dem Buchmarkt Bestand hat. Der perfekte Lektor bleibt im Hintergrund und stärkt dem Autor hinter den Kulissen den Rücken. Meine Maxime dabei ist: einen Text geraderücken ja, aber der Autor muss es immer noch als sein Werk wiedererkennen. Welche Tipps kann ich Autoren, ganz besonders den Anfängern, mit auf den Weg geben?

Manchmal bekomme ich Manuskripte auf den Tisch, die – nunja, nennen wir es einmal – haarsträubend sind. Gerade in Zeiten des Selfpublishings, wo jeder sein Manuskript problemlos bei Amazon hochladen kann, ist es ein verlockender Gedanke geworden, mit seinem Werk reich und berühmt zu werden. Aber sicherlich dachten Sie es sich schon: dies sind leider nur die Ausnahmen wie zum Beispiel die schwedische Selfpublisherin Emelie Schepp, deren Erstlingswerk Nebelkind sie in zahlreiche Länder verkaufen und damit auf einen Schlag einen Weltbestseller landen konnte. Von Frau Rowling möchte ich gar nicht erst anfangen …

Gerade Anfänger kommen oft mit völlig übersteigerten Vorstellungen zu mir – und leider weisen gerade deren Manuskripte oftmals die schlimmsten Fehler auf, die man machen kann.

Ich habe hier einmal die 5 häufigsten herausgepickt.

1. Rechtschreibung

Ein Thema, das eigentlich selbstverständlich sein sollte – es aber leider nicht ist. Ich habe einige Kunden, die unter 20 sind, und leider macht sich bei vielen von Ihnen die für meinen Geschmack völlig dumme Schulpolitik bemerkbar. Lautieren, zu gut Deutsch schreibe wie du sprichst – wer das im ersten Schuljahr gelernt hat, ist auf dem besten Wege, es auch später noch so zu handhaben.

Katastrophal ist auch der Umgang mit dem und den, sozusagen: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod!

Oder Diktate schreiben: ja, das wird auch heute noch gemacht, jedoch haben die Schüler den Text bereits gelesen und dreimal abgeschrieben. Nun, vielleicht merken Sie es schon: Schulministerin wäre mein Traumjob (wenn ich ihn auch bestimmt schnell wieder los wäre ob all der Änderungen, die ich einführen würde)!

Ein Rat, den ich immer wieder gerne gebe: Lest so viel wie möglich andere Bücher, dabei möglichst querbeet durch alle Genres, damit ihr ein Gefühl für die deutsche Sprache bekommt. Ein Text, der vor lauter Fehlern nur so strotzt, wird niemals so sprachgewaltig sein, um den gewünschten Bestseller zu landen.

Mittlerweile gibt es auch Rechtschreibsoftwares, die die schlimmsten Fehler im Vorfeld bereits ausmerzen – bitte benutzt sie wenn nötig, es erleichtert dem Lektorat die Arbeit ungemein!

2. Ich schreibe mal eben ein Buch und veröffentliche es dann

Natürlich ist es löblich wenn man als Neueinsteiger in die Welt der Literatur erkannt hat, dass ein gutes Lektorat unabdingbar ist. Seine eigenen Werke kann man nicht korrigieren, denn das Gehirn kennt den Text auswendig und liest daher nur das, was es sehen möchte. Auch dieses mal eben halte ich für sehr gefährlich. Vielleicht bin ich nicht der richtige Maßstab, denn an meinen eigenen Büchern schreibe ich mindestens ein Jahr lang. Wenn ich ein Erstlingswerk bekomme, das in wenigen Wochen entstanden ist, bestätigt sich mein Misstrauen fast immer – einige Naturtalente natürlich ausgenommen. Daher mein Rat: Lasst Euch Zeit, keiner drängt Euch. Lieber ein gutes Buch veröffentlichen, dessen Entstehung ein wenig länger gebraucht hat, dafür dann aber auch perfekt ist.

3. Fehlendes Hineindenken in den Plot

Vor kurzem bekam ich ein Fantasy-Epos, zumindest wurde es mir so angekündigt. Die Geschichte spielte auf einer mittelalterlichen Burg, die Helden trugen alle Rüstungen und kämpften mit Schwertern. Doch dann: Die Hauptdarstellerin stellte fest, dass sie ganz dringend eine Dusche brauchte, die sie dann im gekachelten Badezimmer mit Duschgel genoss.

Ähm, sorry, aber da musste ich dann natürlich den Rotstift ansetzen und aus der Dusche einen Waschzuber machen. Die Autorin war total geschockt – ob meine Streichungsaktion oder die Erkenntnis, dass sie sich nicht richtig in die Handlung hineingedacht hatte, schlimmer war, ist schwer zu sagen.

Hilfreich ist auch immer, für die Biografie seiner Buchfiguren einen „Zeitstrahl zu nutzen. Die Software Papyrus Autor leistet hier hervorragende Hilfestellung. Ich mache es noch altmodisch und zeichne es per Hand auf. Besonders wenn man so wie ich Regionalkrimis schreibt, bei dem sich die Ereignisse in der jeweiligen Stadt perfekt in den Lebenslauf der Buchfiguren einfügen müssen, ist dies unabdingbar.

4. Mangelnde Recherche

»Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir, dass draußen dicke Schneeflocken fielen.«

Ich liebe Schnee, diese Szene spielte jedoch in Los Angeles, und bis es dort einmal schneit, bin ich das Bodydouble von Naomi Campbell geworden.

»Dieses Omelette Surprise habe ich mir extra für Euch ausgedacht, Euer Majestät.«

Sehr nett von diesem Koch – doch die Szene spielt 50 v.Chr., besagtes Omelette indes wurde erst viele Jahrhunderte später erfunden.

Es sind solche Kleinigkeiten, auf die die Literaturblogger ein waches Auge haben – um dann bei ihrer Rezension einen saftigen Sterneabzug zu geben. Daher: Wikipedia oder Google befragen, im Zeitalter des Internets bekommt man auf alles eine Antwort. Mittlerweile gibt es für ganz knifflige Fragen auch Autorenrecherche-Gruppen auf FB, wo mir schon oft geholfen wurde.

5. Last but not least: die Liebe zu seinen Buchfiguren

Wenn ich ein Manuskript bekomme, bei dem ich auf Seite 20 noch nicht einmal den Namen des Hauptdarstellers erfahren habe, weiß ich: hier hat jemand recht lieblos etwas heruntergeschrieben, ohne sich in seine Buchfiguren hineinzuversetzen, ohne sie zu lieben.

Es muss ja nicht direkt so extrem ausufern wie bei mir, denn ich sitze manchmal mit meinen Protagonisten schon morgens am Frühstückstisch und diskutiere mit ihnen, in welche Richtung der Plot sich am besten weiterentwickelt.

Vor kurzem war ich in der Strenesse-Boutique in Dortmund – und plötzlich stand Susannah Rosenbaum neben mir, eine Nebendarstellerin meines aktuellen Krimis. Sie gab erst dann Ruhe, als ich mir mit ihr zusammen die gesamte neue Kollektion angesehen hatte – dem Buch ist dies sehr zugute gekommen, weil ich dadurch einige der Susannah-Szenen besser beschreiben konnte.

Liebe Autoren und Neu-Autoren, bitte bleibt dran, ich freue mich sehr auf Eure neuen Ideen und Manuskripte!

Mit herzlichen Grüßen aus Dortmund

Valeska Réon

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Gastartikel „Schreiben ist menschlich“ von Valeska Réon

Valeska Reon

Diesen Artikel schrieb die Lektorin und Buchautorin Valeska Réon. Ich freue mich ganz besonders über ihren Gastbeitrag, denn diese Frau ist sehr vielseitig und weiß genau, was sie kann und will. Valeskas Humor und ihre Zielstrebigkeit machen sie genauso aus wie ihre Liebenswürdigkeit.
Ich zitiere, was ich mal über sie hörte: “Sie ist einfach gut.”
Ich bin glücklich, dass wir uns kennen.
Mehr zu ihr findest Du auf den folgenden Seiten:

www.valeska-reon.com

haar-bazaar.info

textcheck.agency

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